Gesundheitskompetenz

EHDS – Chance oder Risiko? Warum diese Frage oft zu kurz greift - EHDS – opportunity or risk? Why this question often falls short

English Version below!

Sobald es um Gesundheitsdaten geht, dauert es meist nicht lange, bis eine bestimmte Frage bis heute immer wieder auftaucht:

Ist das eine Chance – oder ein Risiko?

Diese Frage hören wir sehr oft. In Gesprächen, bei Veranstaltungen oder in Diskussionen mit Patientinnen, Patienten und Bürgerinnen und Bürgern.

Wir verstehen das. Zum einen ist der EHDS bis heute eher unbekannt. Dazu kommt: Gesundheitsdaten gehören zu den sensibelsten Informationen überhaupt. Sie erzählen etwas über unseren Körper, über Erkrankungen, über Therapien und manchmal über sehr persönliche Lebenssituationen. Die Diskussion um Stigma und Diskriminierung ist nicht unberechtigt.

Gleichzeitig erleben wir immer wieder, dass die Diskussion schnell sehr grundsätzlich wird. Manche sehen große Chancen: bessere Forschung und Versorgung, individuellere Therapien, also personalisierte Medizin, schnellere Innovation. Andere sorgen sich um Datenschutz, Kontrolle oder mögliche Fehlentwicklungen.

Beides ist verständlich – gleichzeitig greift die Frage „Chance oder Risiko?“ oft zu kurz.

Denn die Realität ist – wie so oft – etwas komplexer.

Gesundheitsdaten begegnen uns schon lange im Alltag

Viele denken bei Gesundheitsdaten zuerst an etwas Neues oder an große digitale Systeme.

Dabei begleiten uns Gesundheitsdaten schon lange, im Prinzip von dem Moment an, in dem wir noch in Mamas Bauch sind. Und von Geburt an, gehts erst richtig los. 

Einige Beispiele sind:

  • der Mutterpasst

  • die ärztliche Dokumentation in der Praxis oder im Krankenhaus wenn der Mutterpass ausgestellt

  • wenn wir geimpft werden

  • wenn wir zum Beispiel bei der Physiotherapie sind

  • wenn Register Daten zu bestimmten Erkrankungen sammeln wie zum Beispiel das Krebsregister

  • bei der Teilnahme an klinischen Studien 

Neu ist vor allem, dass heute durch die digitalen Lösungen deutlich mehr Daten entstehen und dass diese Daten – technisch gesehen – besser zusammengeführt werden könnten - mit dem EHDS.

Und genau hier entstehen viele Fragen.

Ein Beispiel aus dem Alltag

Viele Menschen kennen folgende Situation:

Man geht zu einer neuen Ärztin oder einem neuen Arzt und beginnt wieder von vorne zu erklären:
- Welche Diagnose wurde gestellt?
- Welche Medikamente wurden eingenommen?
- Welche Untersuchungen wurden bereits gemacht und gibt es Allergien oder Unverträglichkeiten?

Oft werden Unterlagen gesammelt, Befunde ausgedruckt oder per E-Mail verschickt oder auch schon mal, nicht ganz datenschutzkonform, per Whats App geteilt.

Manchmal bringen Patientinnen und Patienten Unterlagen bis heute selbst von A nach B, weil das schneller geht als manches noch im Einsatz befindliche Faxgerät. So werden besonders Menschen, die chronisch oder langfristig erkrankt sind, zum Postzusteller und damit zur Schnittstelle im System.

Manchmal fehlen Informationen, Rückfragen dauern lange oder Untersuchungen müssen wiederholt werden, was belastend und kostenintensiv für alle ist. 

Der EHDS versucht, genau hier Verbesserungen zu ermöglichen: Informationen sollen dort verfügbar sein, wo sie gebraucht werden – unter klaren Bedingungen und mit entsprechenden Schutzmechanismen.

Warum die Diskussion oft so emotional ist

Wenn es um Gesundheitsdaten geht, geht es nicht nur um Technik oder Verwaltung.

Es geht um Vertrauen. Viele Menschen fragen sich, wer die Daten sieht und wer darüber entscheidet, wer sie sehen kann oder bekommt. In vielen Gesprächen hören wir immer wieder die Frage, wie man beeinflussen kann, was mit den Daten passiert und wer davon profitiert.

Fragen und Bedenken, die sich bis heute halten oder wiederholen.

Diese Fragen sind wichtig, obwohl es inzwischen zahlreiche Vorschriften und Rahmenbedingungen gibt, daran gearbeitet wird und – last but not least – auch den sogenannten Opt-Out.

Gleichzeitig zeigt sich in vielen Gesprächen: Oft fehlen verständliche Informationen darüber, wie Gesundheitsdaten überhaupt genutzt werden und welche Schutzmechanismen bereits existieren oder gar, was man selbst tun kann, also wie man als Bürgerin und Bürger hier eigenverantwortlich handeln könnte.

Wenn Wissen fehlt, entsteht Unsicherheit. Und Unsicherheit führt häufig zu Skepsis.

Zwischen Hoffnung und Sorge

In Diskussionen sehen wir häufig zwei sehr starke Positionen.

Auf der einen Seite stehen Erwartungen:
Gesundheitsdaten könnten helfen, Erkrankungen besser zu verstehen, neue Therapien könnten schneller entwickelt und Versorgung gezielter verbessert werden. Und – was für viele Patientinnen und Patienten wichtig ist – man könnte seine Daten perspektivisch mitnehmen. Die eigene elektronische Patientenakte wird damit zu einem Datentransportmittel, das auch auf Reisen helfen kann, besonders innerhalb der EU, wenn im Notfall medizinische Informationen benötigt werden. Übrigens ein großer Hoffnungspunkt vieler Menschen mit chronischen oder langfristigen Erkrankungen.

Auf der anderen Seite stehen Befürchtungen:
Daten könnten missbraucht werden, Kontrolle könnte verloren gehen oder Entscheidungen könnten intransparent werden.

Beide Perspektiven sind verständlich und brauchen Klärung. Denn Gesundheitsdaten können nur dann sinnvoll genutzt werden, wenn gleichzeitig klar geregelt ist, wer Zugang erhält, unter welchen Bedingungen Daten genutzt werden dürfen, wie Daten geschützt werden und wie Transparenz gewährleistet wird.

Der Zusammenhang ist wichtig

Ein wichtiger Punkt ist, dass Gesundheitsdaten selten isoliert betrachtet werden können. Sie stehen immer im Zusammenhang mit Gesundheitssystemen, Versorgung, Forschung, Digitalisierung und natürlich auch mit gesellschaftlichen Erwartungen an Innovation. Der EHDS ist Teil dieser Entwicklung, damit versuchen die EU Mitgliedsstaaten ein System zu schaffen um  Gesundheitsdaten unter klaren Regeln und in einheitlichen Formaten nutzen zu können - sie also "transportfähig" zu machen und dafür zu sorgen, dass die Daten vertrauenswürdig behandelt aber auch als vertrauenswürdig eingeordnet werden können. 

Damit dies gelingt, braucht es mehr als technische Lösungen. Es braucht verständliche Einordnung.

Verständnis als Grundlage für Vertrauen

In vielen Diskussionen merken wir, dass Begriffe rund um Gesundheitsdaten nicht immer selbsterklärend sind. Da geht es um sekundäre Datennutzung, Register, Interoperabilität, anonymisiert oder pseudonymisiert und vieles mehr.

Klar ist: Wenn man etwas nicht oder nur teilweise versteht, entstehen schnell Missverständnisse oder falsche Annahmen. So geht es uns auch. 

Deshalb wird immer deutlicher, dass die Diskussion über Gesundheitsdaten nicht nur eine technische oder politische Diskussion ist, sondern auch eine gesellschaftliche Frage - Gesundheitsdaten gehen uns alle an. Es ist also auch eine Frage der Kompetenz. Der Gesundheits - Digital- und Datenkompetenz die wir jetzt brauchen. 

Es ist doch so: Wenn man versteht, worum es in einer Diskussion geht, kann man sich eine eigene Meinung bilden. Wer eine Meinung hat, kann Vertrauen entwickeln.

Der EHDS als gemeinsamer Lernprozess

Der EHDS ist ein langfristiges europäisches Projekt, verbunden mit vielen Lernprozessen. In den Ländern, in denen Gesetzgeber und Expertinnen wie Experten an Lösungen arbeiten. In Deutschland wurden zum Beispiel das Gesundheitsdatennutzungsgesetz (GDNG) oder auch der Aufbau des Forschungsdatenzentrums Gesundheit (FDZ) bereits auf den Weg gebracht, viele weitere Gesetze und Lösungen werden folgen.

Wie bei vielen größeren Veränderungen wird sich erst im Laufe der Zeit zeigen, welche Lösungen gut funktionieren und wo Anpassungen notwendig sind.

Das erfordert Mut und auch die Bereitschaft, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Nicht nur die Regierungen und Systeme brauchen das. Auch wir. 

Und ehrlich: Wenn wir sehen, wie selbstverständlich Gesundheitsdaten über Plattformen wie Instagram oder Facebook geteilt werden, wie man schnell mal eine AI fragt, ohne dass immer nach dem Datenschutz dort gefragt wird, dann lohnt sich vielleicht auch ein Blick auf die Strukturen, die genau dafür geschaffen werden – nämlich Gesundheitsdaten in einem regulierten und geschützten Rahmen sinnvoll zu nutzen.

Oder anders gesagt: Vielleicht sollten wir beim Thema Datenschutz überall genau hinschauen. wer weiß! ;-) 

Ausblick

Im nächsten Beitrag geht es um eine wichtige Beobachtung aus vielen europäischen Projekten:

Warum Beteiligung allein nicht ausreicht – und warum Verständnis oft die Voraussetzung für sinnvolle Beteiligung ist.

Weiterführende Informationen

European Commission – European Health Data Space
https://health.ec.europa.eu/ehealth-digital-health-and-care/european-health-data-space_en

OECD – Health Data Governance
https://www.oecd.org/health/health-data-governance.htm

TEHDAS Joint Action
https://tehdas.eu

TEHDAS2
https://tehdas2.eu

English Version:

EHDS – opportunity or risk? Why this question often falls short

Whenever health data are discussed, it usually doesn’t take long until one particular question comes up again:

Is this an opportunity – or a risk?

We hear this question very often. In conversations, at events, or in discussions with patients and citizens.

We understand why. The EHDS is still relatively unknown to many people. At the same time, health data are among the most sensitive types of information we have. They tell stories about our bodies, about diseases, about treatments and sometimes about very personal life situations. Concerns about stigma and discrimination are therefore not unfounded.

At the same time, we often see discussions quickly becoming very fundamental. Some emphasise the opportunities: better research and care, more individualised therapies, personalised medicine, faster innovation. Others focus on risks related to privacy, control or potential misuse.

Both perspectives are understandable – but the question of “opportunity or risk?” is often too simplistic.

Because reality – as so often – is more complex.

Health data have long been part of everyday life

Many people think of health data as something new or as part of large digital systems.

But in reality, health data have accompanied us for a very long time – in principle from the moment we are still in our mother’s womb. And once we are born, the collection of health data really begins.

Examples include:

  • the maternity record

  • medical documentation in doctors’ practices or hospitals

  • vaccinations

  • physiotherapy records

  • disease registries, for example cancer registries

  • participation in clinical studies

What is new is that digital solutions now generate significantly more data – and that these data could technically be brought together more easily, for example through the EHDS.

And this is exactly where many questions arise.

An everyday example

Many people know the following situation:

You visit a new doctor and once again start explaining everything from the beginning:
What diagnosis was made?
Which medications have been taken?
Which examinations have already been carried out?
Are there allergies or intolerances?

Documents are collected, reports printed, information is sent by email – or sometimes, not entirely in line with data protection principles, shared via messaging services.

Even today, patients often carry medical documents from A to B themselves because this can still be faster than some of the communication tools currently in use. Particularly people living with chronic or long-term conditions often become the messengers between systems.

Sometimes information is missing, follow-up questions take time, examinations need to be repeated – situations that are burdensome and costly for everyone involved.

The EHDS aims to help improve exactly this situation:
Information should be available where it is needed – under clear conditions and with appropriate safeguards.

Why the discussion is often emotional

When we talk about health data, the conversation is rarely only about technology or administration.

It is about trust. Many people ask who can access their data and who decides who is allowed to see them. We often hear questions about how individuals can influence what happens to their data and who ultimately benefits.

These concerns persist and are repeated in many discussions.

They are important questions – even though legal frameworks and safeguards already exist and continue to evolve, including the possibility to opt out.

At the same time, we frequently observe that understandable information about how health data are actually used and protected is still missing. And often it is unclear what individuals themselves can actively do or decide.

When knowledge is missing, uncertainty arises. And uncertainty often leads to scepticism.

Between hope and concern

Discussions about health data often show two strong perspectives.

On the one hand, there are expectations:
Health data could help us better understand diseases, enable faster development of therapies and improve healthcare in a more targeted way. And – something many patients consider particularly important – it may become possible to take one’s data along. The electronic health record could become a way to make relevant information available when travelling, especially within the EU, in situations where medical information is urgently needed. This is an important perspective for many people living with chronic or long-term conditions.

On the other hand, there are concerns:
Data could be misused, control could be lost, decisions could become less transparent.

Both perspectives are valid and require careful consideration. Health data can only be used responsibly if it is clearly defined who can access data, under which conditions data may be used, how they are protected and how transparency is ensured.

Context matters

Health data rarely exist in isolation. They are always linked to healthcare systems, care delivery, research, digitalisation and societal expectations regarding innovation.

The EHDS is part of this broader development. EU Member States are working towards creating a framework that allows health data to be used under clear rules and in harmonised formats – in other words, making data interoperable and usable across systems, while ensuring that they are handled in a trustworthy and secure way.

Achieving this requires more than technical solutions. It also requires understandable context.

Understanding as the basis for trust

In many discussions, we see that terminology around health data is not always self-explanatory. Terms such as secondary use of data, registries, interoperability, anonymisation or pseudonymisation are not part of everyday language.

If something is not fully understood, misunderstandings and incorrect assumptions can easily arise. We experience this ourselves.

This shows that discussions about health data are not only technical or political questions – they are also societal questions. Health data concern all of us. And this means competence matters: health literacy, digital literacy and data literacy are becoming increasingly important.

Because understanding enables people to form an opinion. And having an informed opinion makes trust possible.

The EHDS as a shared learning process

The EHDS is a long-term European project involving many learning processes – in countries where policymakers and experts are working on solutions.

In Germany, for example, the Health Data Use Act (GDNG) and the development of the Health Research Data Centre (FDZ) are already underway, while further legal and structural developments will follow.

As with many major changes, it will take time to see which approaches work well and where adjustments are needed.

This requires openness and willingness to engage with the topic. Not only from governments and institutions – but also from all of us.

And honestly: when we see how naturally health information is sometimes shared via social media platforms, or how quickly questions are asked of AI tools without always considering how personal data are handled there, it may also be worth taking a closer look at frameworks that are specifically designed to ensure health data are used responsibly and in a protected environment.

Or in other words: perhaps data protection deserves attention everywhere.

Outlook

The next article will explore an observation from many European initiatives:

Why participation alone is not enough – and why understanding is often the prerequisite for meaningful participation.

Further reading

Öffentliche Gesundheit? Ganz schön persönlich - ein Bericht der DSL DE Onlinesession vom 19.11.2025

Am 19. November 2025 fand die Online-Session „Öffentliche Gesundheit? Ganz schön persönlich!“ von Data Saves Lives Deutschland statt. Im Mittelpunkt stand eine einfache, aber oft unterschätzte Erkenntnis: Öffentliche Gesundheit ist relevant, weil sie unseren Alltag betrifft.

📺 Hier kannst du dir die Session vollständig ansehen:
👉 https://youtu.be/RNZN9ct_xqY

Die Session zeigte eindrücklich, dass Public Health kein abstraktes Politikfeld ist, sondern dort wirksam wird, wo Menschen Informationen verstehen, einordnen und für sich nutzen können. Diese Nachlese fasst zentrale Gedanken, Perspektiven und Impulse aus den fachlichen Inputs, der Paneldiskussion und dem Austausch mit den Teilnehmenden zusammen.

Warum öffentliche Gesundheit wichtig ist

Öffentliche Gesundheit (Public Health) wird häufig auf Strukturen, Programme oder Institutionen reduziert. Dabei ist öffentliche Gesundheit viel mehr: öffentlich. Oder auch eine Sache der Gesellschaft. Also von uns allen.

In der Session wurde jedoch deutlich: Public Health entsteht dort, wo Menschen handlungsfähig werden – also informiert handeln und entsprechend für ihre eigene Gesundheit entscheiden.

Das passiert durch verständliche Informationen, Vertrauen in Systeme und die Möglichkeit zur Beteiligung.

Öffentliche Gesundheit bedeutet:

  • Prävention statt Reparatur

  • verständliche Kommunikation statt Fachjargon

  • Beteiligung statt reiner Versorgung

Gesundheitskompetenz ist dabei ein zentraler Hebel – nicht als individuelle Pflicht, sondern als gesellschaftliche Aufgabe.

Beiträge und Perspektiven

Die Session war klar strukturiert und verband fachliche Inputs mit einer anschließenden Paneldiskussion.

Die Impulsvorträge

Prof. Bettina Borisch (CEO, World Federation of Public Health Associations; Professorin für Public Health, Universität Genf) eröffnete die Session mit einer Einordnung zur Bedeutung von öffentlicher Gesundheit. Sie machte deutlich, dass Public Health weit über Gesundheitsversorgung hinausgeht und sich dort entscheidet, wo gesellschaftliche Rahmenbedingungen, Prävention und Vertrauen zusammenspielen.

Dr. Saskia Maria De Gani (Head Health Literacy Division & Mitglied der Geschäftsleitung, Careum Stiftung, Schweiz) knüpfte daran an und stellte Gesundheitskompetenz als zentrale Voraussetzung für wirksame öffentliche Gesundheit heraus. Ihr Fokus lag darauf, wie Menschen befähigt werden können, Informationen zu verstehen, einzuordnen und im Alltag anzuwenden.

In der anschließenden Paneldiskussion wurden diese Perspektiven aus unterschiedlichen Praxis- und Alltagssichten vertieft:

  • Dr. Corinna Jacob (Head Communications & Patient Advocacy Germany, Novartis Deutschland)

  • Dr. Cindy Körner (Patientenvertreterin, Deutschland)

  • Evelyn Groß (Patientenvertreterin, Österreich)

Diskutiert wurde unter anderem, wie Vertrauen entsteht, welche Rolle verständliche Kommunikation spielt und warum öffentliche Gesundheit ohne Beteiligung von Patient:innen und Bürger:innen an Wirkung verliert.

Stimmen aus der Diskussion:

„Mein tägliches Brot ist Übersetzungsarbeit. Wir haben hochkomplexe Informationen – zu Therapiegebieten, zu Krankheiten – und die Herausforderung ist, diese so zu übersetzen, dass sie für Menschen verständlich und nutzbar werden.“
— Dr. Corinna Jacob

„Das Problem ist nicht, dass es zu wenige Informationen gibt, sondern dass es keine zentrale Stelle gibt, die Orientierung bietet – und dass Informationen oft nicht niedrigschwellig und barrierearm sind.“
— Cindy Körner

„Es geht nicht darum, über uns Betroffene, sondern mit uns – und Sprache, Netzwerke und Beteiligung genau so aufzubauen.“
— Evelyn Groß

Aus Vorträgen, Paneldiskussion und dem Austausch mit den Teilnehmenden ergaben sich mehrere wiederkehrende Themen:

  • Öffentliche Gesundheit betrifft alle Lebensbereiche und darf nicht nur aus institutioneller Perspektive gedacht werden.

  • Gesundheitskompetenz braucht unterstützende Strukturen und verständliche Kommunikation.

  • Daten, Evidenz und Studien sind wichtig, entfalten ihre Wirkung aber nur dann, wenn sie erklärt und in den Alltag übersetzt werden.

  • Beteiligung von Patient:innen und Bürger:innen stärkt Vertrauen und Akzeptanz von Public-Health-Maßnahmen.

Stimmen aus dem Publikum

Auch aus dem Kreis der Teilnehmenden kamen wichtige Fragen und Kommentare, die die Diskussion ergänzt und vertieft haben, unter anderem:

  • Wie können öffentliche Gesundheit und Gesundheitskompetenz Menschen besser erreichen? Gerade wenn es um die Verwendung von Fachsprache und komplexen Inhalten geht, brauchen wir andere Wege.

  • Welche Verantwortung tragen Institutionen dafür, dass Gesundheitsinformationen verständlich und zugänglich aufbereitet zu den Bürgerinnen und Bürgern kommen - diese Themen fangen nicht erst bei Patientinnen und Patienten an, sondern wesentlich früher.

  • Wie lassen sich Gesundheitskompetenz und digitale Angebote so gestalten, dass sie Orientierung geben statt zu überfordern?

  • Welche Rolle spielen Vertrauen, Transparenz und Nachvollziehbarkeit bei der Nutzung von Daten im Gesundheitsbereich?

Diese Rückmeldungen machten deutlich, wie groß der Bedarf an verständlicher, dialogorientierter Public-Health-Kommunikation ist.

In der Session wurde auch auf aktuelle Ergebnisse des Health Literacy Survey Deutschland (HLS-GER) verwiesen. Diese zeigen erneut, dass viele Menschen Schwierigkeiten haben, gesundheitsbezogene Informationen zu finden, zu verstehen und anzuwenden.

Wir haben HIER über den HLS-GER 03 berichtet.

Öffentliche Gesundheit ist an sich kein abstraktes Politikfeld, sondern ein Alltagsthema, das uns alle betrifft.

Daher ist es wichtig, sich damit zu befassen - denn sie entscheidet darüber, ob Menschen sich orientieren können, Vertrauen entwickeln und handlungsfähig bleiben – unabhängig von Bildungsgrad, Alter oder Sozial- und Gesundheitsstatus.

Ein zentraler Impuls der Session, insbesondere aus dem Beitrag von Prof. Bettina Borisch, war dabei: Öffentliche Gesundheit und Gesundheitskompetenz können nur gemeinsam gelingen. Sie sind keine alleinige Aufgabe von Politik, Institutionen oder Systemen. Beide Bereiche leben davon, dass möglichst viele Menschen eine gemeinsame Basis haben – ein grundlegendes Verständnis, eine gemeinsame Sprache und die Möglichkeit, sich einzubringen.

Gesundheitskompetenz entsteht dort, wo Informationen verständlich sind, wo Beteiligung ermöglicht wird und wo Verantwortung nicht einseitig verteilt wird. Öffentliche Gesundheit braucht daher das Zutun aller: von politischen Entscheidungsträger:innen und Institutionen ebenso wie von Bürgerinnen und Bürgern, Patient:innen, Fachpersonen und der Zivilgesellschaft.

Die Session hat gezeigt, wie wichtig es ist, Public Health verständlich, menschlich und dialogorientiert zu denken – und Gesundheitskompetenz als gemeinschaftliche Aufgabe zu begreifen. Nur so kann eine tragfähige Grundlage entstehen, auf der öffentliche Gesundheit langfristig wirksam ist.

Öffentliche Gesundheit? Ganz schön persönlich! - Die nächste Online Session am 19.11.2025 um 16.00 Uhr

Wir laden zur nächsten Online Session ein und freuen uns schon sehr darauf:

Was bedeutet „öffentliche Gesundheit“ heute – und was hat sie mit der Gesundheitskompetenz jedes Einzelnen zu tun?
Darüber sprechen wir in unserer nächsten Online-Session am 19. November 2025 um 16:00 Uhr, mit freundlicher Unterstützung von Novartis Deutschland.

Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit – sie ist ein öffentliches Gut, das uns alle betrifft. Doch wie gut verstehen wir die Mechanismen, die unsere Gesundheit beeinflussen? Und wie können wir als Gesellschaft, aber auch als Einzelne, kompetenter mit Gesundheitsinformationen, Risiken und Chancen umgehen?

Diese Fragen stehen im Mittelpunkt unserer Diskussion mit Expertinnen aus Wissenschaft, Praxis und Patientenvertretung:

  • Kurzer Input zum Thema “öffentliche Gesundheit” von Prof. Bettina Borisch, CEO, World Federation of Public Health Associations & Professor of Public Health, University of Geneva

  • Kurzer Input zum Thema “Gesundheitskompetenz” von Dr. Saskia Maria De Gani, Head Health Literacy Division & Member Management Board, Careum Stiftung, Schweiz

    Diskussion mit goldenen Expertinnen:

  • Dr. Corinna Jacob, Head Communications & Patient Advocacy Germany, Novartis Deutschland

  • Dr. Cindy Körner, Patientenvertreterin, Deutschland

  • Evelyn Groß, Patientenvertreterin, Österreich

Moderation: Birgit Bauer, Data Saves Lives Deutschland

Gemeinsam mit unseren Gästen wollen wir erörtern,

  • wie Gesundheitskompetenz gefördert werden kann,

  • welchen Stellenwert Daten in der öffentlichen Gesundheit einnehmen,

  • und was nötig ist, um Wissen, Verantwortung und Vertrauen zu stärken.

📅 Termin: 19. November 2025, 16:00 Uhr (online)
📨 Anmeldung: bis zum 18. November 2025 per E-Mail an DSL.DE@edha.academy

Übrigens:

Die Aufzeichnung und den Bericht unserer letzten Session
„Datensolidarität – wenn Daten-Teilen zum Vertrauensprojekt wird“ (vom 22.10.)
finden Sie bereits auf unserem Blog:
👉 Zum Bericht und zur Aufzeichnung

Wir freuen uns auf eine spannende Diskussion und viele neue Perspektiven!

Gesundheitskompetenz im Wandel – was der neue HLS-GER 3 zeigt

Warum Verstehen der erste Schritt zum Vertrauen bleibt

Gesundheitskompetenz ist – neben unserem Grundthema Gesundheitsdaten – eines unserer zentralen Themen bei Data Saves Lives Deutschland.
Seit Beginn dieses Jahres beschäftigen wir uns intensiv damit, weil sie Teil eines der wichtigsten Zyklen menschlichen Lebens ist:
dem Zusammenspiel von Kompetenz, Daten und Gesundheit.

Wenn Versorgung effizient, gerecht und patientenzentriert gestaltet werden soll, braucht es genau diesen Dreiklang:
Menschen, die verstehen – Systeme, die mitdenken – und Daten, die verbinden.

Im DSL DE Kompass 2025 haben wir uns bereits mit den Ergebnissen des HLS-GER 2 (Health Literacy Survey Deutschland, Version 2) beschäftigt.
Damals zeigte sich: Mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland hat Schwierigkeiten, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu bewerten und im Alltag anzuwenden.

Nun liegt mit dem HLS-GER 3 (Health Literacy Survey Deutschland, Version 3) die aktuelle Auswertung vor – und wir haben sie uns genau angesehen.
Denn wer an einer besseren Gesundheitskommunikation und Datennutzung arbeitet, muss verstehen, wie Menschen Informationen wahrnehmen – und wo sie verloren gehen.
Dieses Wissen hilft uns und allen Beteiligten, Lücken zu füllen und Vorgänge verständlich zu machen.

Wer steckt hinter der Studie?

Der HLS-GER 3 wurde vom Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung (IZGK) an der Universität Bielefeld durchgeführt – unter Leitung von Prof. Dr. Doris Schaeffer, gemeinsam mit Prof. Dr. Ullrich Bauer, Prof. Dr. Kevin Dadaczynski (Hochschule Fulda) und Prof. Dr. Thorsten Meyer (Universität Bielefeld).
Gefördert wurde die Studie vom Bundesministerium für Gesundheit und unterstützt durch den Bosch Health Campus. Sie ist Teil des WHO-Netzwerks M-POHL (Measuring Population and Organizational Health Literacy).

Das Factsheet mit allen zentralen Ergebnissen ist hier zu finden:
HLS-GER 3 – Factsheet der Universität Bielefeld

Die Ergebnisse auf einen Blick

Gesundheitskompetenz leicht verbessert:
Der Anteil der Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz ist laut HLS-GER 3 um 3,1 Prozentpunkte gesunken – auf nun 55,7 % der Bevölkerung.

Digitale Gesundheitskompetenz gestiegen:
Sie nahm um 4,7 Prozentpunkte zu. Immer mehr Menschen informieren sich online, über Gesundheits-Apps oder sogar mithilfe von KI-Tools.

Dennoch bleibt viel zu tun:
Mehr als jede zweite Person hat weiterhin Mühe, Gesundheitsinformationen richtig zu verstehen und anzuwenden.

Besonders herausfordernd bleibt die Navigation im Gesundheitssystem – 82 % der Befragten gaben an, sich dort schwer zurechtzufinden.
Das heißt aber auch: Die Diskussion über Systemänderungen, Vereinfachungen und eine effizientere Gestaltung des Gesundheitswesens ist längst überfällig – und als logische Konsequenz dieser Zahlen endlich ernsthaft anzugehen.

Soziale Unterschiede bleiben bestehen:
Menschen mit geringerer Bildung, niedrigerem Einkommen oder chronischen Erkrankungen haben deutlich häufiger Schwierigkeiten, Gesundheitsinformationen richtig zu verarbeiten.
Auch hier sehen wir das klare Signal, dass Gesundheitskompetenz nicht erst dann Thema werden darf, wenn es quasi zu spät ist. Sie muss früh beginnen – in Schulen, als eigenes Fach, um schon Kinder und Jugendliche für den Umgang mit Gesundheit, Information und Verantwortung zu sensibilisieren.
So gesehen ist das Prävention in Sachen Gesundheitskompetenz – und eine Investition in eine gesündere, selbstbestimmtere Zukunft.

Katastrophenkompetenz – eine neue Dimension

Neu im HLS-GER 3 ist der Blick auf die sogenannte katastrophenbezogene Gesundheitskompetenz – also darauf, wie Menschen Gesundheitsinformationen in Krisen- oder Ausnahmesituationen verstehen.
Gerade wenn man auf die Corona-Pandemie zurückblickt – oder sich daran erinnert, wie man selbst damals mit Informationen umgegangen ist – wird deutlich, wie herausfordernd es war, verlässliche Informationen zu finden, zu verstehen und ihnen zu vertrauen.
Viele waren verunsichert, überfordert oder schlicht müde vom Informationschaos.
Deshalb ist dieser neue Bereich zwar wichtig, darf aber nicht losgelöst betrachtet werden.
Denn wer schon im Alltag Schwierigkeiten hat, Gesundheitsinformationen zu finden und zu bewerten, kann in Stresssituationen kaum besser reagieren.
Hier zeigt sich deutlich: Wir müssen die Grundkompetenzen stärken, bevor wir zusätzliche Anforderungen aufbauen.

Und was ist mit Gesundheitsdaten?

Die Studie zeigt: Die digitale Gesundheitskompetenz wächst – aber das Verständnis rund um Gesundheitsdaten bleibt unklar.
Wie gut wissen Menschen, wo ihre Daten liegen, wer darauf zugreifen darf oder wofür sie verwendet werden?
Diese Fragen wurden im HLS-GER 3 nicht gesondert untersucht.
Und doch sind sie entscheidend, wenn es um Vertrauen in digitale Anwendungen geht.
Nur wer versteht, was mit seinen Daten passiert, kann bewusst zustimmen, vertrauen oder auch widersprechen.
Verstehen ist der erste Schritt zum Vertrauen – und Vertrauen ist die Grundlage für Datensolidarität.

Wer mehr über Datensolidarität erfahren möchte, kann sich in unserer DSL DE Online-Session am 22. Oktober um 16.00 Uhr mit Prof. Barbara Prainsack informieren.
Alle Infos und den Link zur Anmeldung gibt es hier:
Health Literacy trifft Datensolidarität – Warum Verstehen der erste Schritt zum Vertrauen ist

Warum das Thema uns alle betrifft

Gesundheitskompetenz ist kein Spezialthema für Fachleute.
Sie betrifft uns alle – beim Arztgespräch, bei Medikamenten, bei digitalen Gesundheits-Apps oder beim Lesen und Verstehen eines Befundes oder eines Entlassbriefes.

Wer Gesundheitsinformationen nicht versteht und einordnen kann, wird wahrscheinlich keine guten Entscheidungen treffen – was wiederum dazu führt, dass Versorgung nicht optimal läuft.
In Zeiten, in denen Patientenorganisationen und Patientenvertreter:innen schon eine ganze Weile über das sogenannte Shared Decision Making – also das gemeinsame Entscheiden von Patientinnen und Patienten gemeinsam mit Ärztinnen und Ärzten – diskutieren, ist es daher wichtiger denn je, an der eigenen Gesundheitskompetenz zu arbeiten und sie zu stärken.


Das führt zu Sicherheit, Vertrauen – und letztlich zu einer besseren Versorgung.

Darum ist Gesundheitskompetenz die Basis für eine faire, digitale und vertrauensvolle Zukunft unseres Gesundheitssystems.

Sommeraktion - Gesundheitskompetenz! Teil 1: Gesundheitskompetenz beginnt im Freibad

Image by Jill Wellington from Pixabay

Sonnencreme, Sonnenhut, Schattenplatz:
Die meisten von uns wissen ziemlich genau, was an heißen Sommertagen zu tun ist – nicht nur um Sonnenbrand zu vermeiden, sondern auch um unsere Haut langfristig zu schützen.

Wir cremen uns ein, greifen zur Sonnenbrille, setzen den Hut auf und halten uns in der Mittagssonne lieber bedeckt. Weil wir wissen: Zu viel Sonne ist schädlich.

Das ist Gesundheitskompetenz. Ganz alltäglich, ganz selbstverständlich – und doch oft unterschätzt.

Gesundheitskompetenz – viel mehr als medizinisches Wissen

Auch wenn sich der aktuelle Begriff "Gesundheitskompetenz" derzeit quer durch viele Bereiche zieht und sich eher nach Expertenbubble als "normales Leben" anhört, sie ist in Wahrheit überall.

Wenn wir auf unsere Ernährung achten, regelmäßig Sport treiben, zur Vorsorge gehen, eine Zweitmeinung einholen oder eine App zur Medikamentenerinnerung nutzen – dann handeln wir oft gesundheitskompetent, ohne es bewusst zu merken. Wir machen es einfach, weil wir wissen, dass es uns helfen kann, wenn es um unsere Gesundheit geht.

Das passiert oft unbewusst und hängt auch ein wenig von unserem eigenen Wissen ab, davon, wie wir mit uns selbst umgehen. Dabei geht es nicht darum, alles zu wissen.
Es geht darum, einschätzen zu können, was gut für uns ist – und wann wir besser nochmal nachfragen.

Warum Gesundheitskompetenz so wichtig ist – auch bei Gesundheitsdaten

Je digitaler unser Gesundheitswesen wird, desto wichtiger wird unsere Fähigkeit, Informationen zu verstehen und einzuordnen. Ob es um Diagnosen geht, digitale Anwendungen oder die Frage, was eigentlich mit unseren Gesundheitsdaten passiert:

  • Wer mitreden will, muss verstehen können.

  • Wer zustimmen soll, sollte wissen, worum es geht.

  • Wer Verantwortung übernehmen will, braucht Zugang zu verständlichen Informationen.

Gesundheitskompetenz ist also auch ein Schlüssel zur aktiven Beteiligung von uns, wenn es um unsere Gesundheit geht – nicht nur an Entscheidungen im Behandlungszimmer, sondern auch an der Entwicklung unseres digitalen Gesundheitssystems.

Was hat das mit Sommer zu tun?

Ganz einfach: Der Sommer ist eine Zeit, in der wir uns selbst mehr spüren.
Wir sind draußen, wir sind aktiv, wir hören eher auf unseren Körper als im Winter, wo wir uns einmummeln und dick verpackt eher mal gemütlich abhängen. Im Sommer zieht es uns nach draußen, wir spüren die Sonne, das Wasser im See oder im Schwimmbad, wir essen leichter und bewusster – und wir treffen ständig kleine Entscheidungen für unsere Gesundheit.

Und oft wissen wir ganz genau, was gut für uns ist.

Wir finden, das ist ein guter Moment, um zu zeigen: Wir alle haben Gesundheitskompetenz. Und wir können sie weiterentwickeln.

Deshalb starten wir die Sommeraktion - Gesundheitskompetenz oder, den Summer of Health Literacy!

Mit dem heutigen Beitrag beginnt unser „Summer of Health Literacy“ bei Data Saves Lives Deutschland.
Wir wollen Gesundheitskompetenz mal neu denken, alltagstauglich machen und ins Gespräch bringen – mit Euch und mit allen, die neugierig sind. Weil gerade jetzt wichtig ist, mehr zu wissen.

Nächste Station unserer Sommeraktion:

Digitalkompetenz: Wo beginnt sie, wem fehlt sie, und warum ist sie so entscheidend?

Heute fangen wir mit Sonnencreme an. Weil Gesundheitskompetenz da beginnt, wo wir bewusst mit uns umgehen – im Alltag, im Sommer, im Freibad, bei Freibadpommes und Eis.

Bitte geschützt und bewusst, damit die Haut gesund bleibt. .

Und nächste Woche sprechen wir über Digitalkompetenz.
Denn auch sie entscheidet mit darüber, wie gut wir für unsere Gesundheit sorgen können.

Es ist also der Sommer der Kompetenzen – Wissen, das wichtig für Dich und Dein Gesundheitsmanagement ist. Bist du dabei?

Ach übrigens, auf Instagram erfährst du mehr, hier gibt es Wissenswertes in unseren Posts, komm doch vorbei: https://www.instagram.com/data_saves_lives_deutschland/

OECD und TK im Vergleich: Leistungsfähigkeit auf dem Papier – Unzufriedenheit im Alltag

Zwei Perspektiven auf das deutsche Gesundheitssystem – und was sie aussagen

Wir haben uns an sich mit der OECD Studie „How Do Health System Features Influence Health System Performance“ beschäftigt, die wir sehr spannend finden, da sie verschiedene Gesundheitssysteme beschreibt und vergleicht. Um es vorweg zu sagen, in dieser Studie steht das deutsche System sehr gut da. Und wir machten uns Gedanken, weil wir von dem, was wir hören und lesen, aus den Communities und Gesprächen, ein anderes Bild haben, das nicht zu dem guten Ergebnis passt. Daher haben wir überlegt, was wir tun können, um herauszufinden, wie nahe an der Realität beide Studien sind. Dann kam die Forsa Umfrage der TK und wir haben noch einmal daran gearbeitet.

Da uns aber auch klar ist, dass nicht jeder die OECD kennt, zuerst ein kurzer Überblick über die Organisation:

Die OECD ist ein Zusammenschluss von 38 Staaten, darunter auch Deutschland. Sie unterstützt ihre Mitgliedsländer dabei, politische Entscheidungen auf eine gemeinsame, vergleichbare Datenbasis zu stellen. Ob Bildung, Wirtschaft oder – wie in diesem Fall – Gesundheitssysteme: Die OECD schaut genau hin, vergleicht, analysiert – und macht dadurch sichtbar, wo ein System im internationalen Vergleich steht.

Die OECD berichtete in ihrer Erhebung über Gesundheitssysteme, die im März 2025 publiziert wurde: „How Do Health System Features Influence Health System Performance?“ Hier geht es darum, was ein gutes Gesundheitssystem ausmacht – und welche Länder besonders leistungsfähig sind. Der Bericht basiert auf Daten aus 38 Ländern.

Direkt zur Studie (OECD) : OECD/The Health Foundation (2025), How Do Health System Features Influence Health System Performance?, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/7b877762-en.

Oder: https://www.oecd.org/content/dam/oecd/en/publications/reports/2025/03/how-do-health-system-features-influence-health-system-performance_c35f6018/7b877762-en.pdf

Deutschland laut OECD: solide aufgestellt

Die Ergebnisse zeigen: Deutschland gehört zu den Ländern mit breiter Versorgung, hoher Absicherung und messbaren Erfolgen.

  • 95 % der Menschen in Deutschland sind automatisch in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) versichert

  • -Der Anteil an Eigenbeteiligung (Zuzahlungen) ist geringer als in vielen anderen OECD-Ländern

  • -Lebenserwartung: 80,8 Jahre (OECD-Durchschnitt 80,3 Jahre)

  • -Vermeidbare Todesfälle: 129 pro 100.000 (OECD-Durchschnitt 158)

  • -Laut OECD-Umfragen: über 85 % Zufriedenheit mit der medizinischen Versorgung

So gesehen, auf dem Papier:  ein stabiles, leistungsfähiges System.

Was die TK sieht – und warum es ein anderes Bild ergibt

In einer kürzlich veröffentlichten Forsa-Umfrage im Auftrag der TK – durchgeführt im Januar und Februar 2025, veröffentlicht im März – zeigt sich ein deutlich anderes Bild:

- 23 % sind mit dem Gesundheitssystem sehr/vollkommen zufrieden (2021: 46 %)

- 47 % sind mit dem Gesundheitssystem unzufrieden oder weniger zufrieden

- 62 % empfinden Wartezeiten bei Fachärzt:Innen als unzumutbar

- 73 % wollen Reformen, 21 % grundlegende Änderungen

TK-Chef Jens Baas kommentierte dies so:

 „Immer mehr Menschen haben das Gefühl, dass sie für immer weiter steigende Beiträge keinen angemessenen Gegenwert mehr bekommen.“

Quelle: Techniker Krankenkasse Statement

Der Bruch zwischen Statistik und Alltag

Wer nur die OECD-Daten liest, könnte meinen: Alles läuft.

Wer aber hinhört – in Patienten-Communities, bei Menschen mit chronischen Erkrankungen, in Angehörigengruppen – weiß: Die Unzufriedenheit ist Alltag.

Lange Wartezeiten, verschobene Termine, widersprüchliche Aussagen ohne Erklärung, fehlende Begleitung – viele berichten, dass sie sich wie auf einem Verschiebebahnhof fühlen: Diagnoseverdacht – Wartegleis – nächster Verdacht – nächste Wartezeit.

Vom einst guten System zum Sorgenkind

Deutschland hatte einmal ein starkes, verlässliches Gesundheitssystem. Heute driften Leistungsfähigkeit und Erlebbarkeit auseinander. Zahlen belegen strukturelle Stärke – die Menschen spüren jedoch Überlastung, Komplexität und fehlende Verbindlichkeit. Wenn Patient:innen sagen: „Wir zahlen mehr und bekommen weniger dafür“, ist das kein Jammern – sondern ein Symptom für verlorenes Vertrauen.

Ein Kommentar von Birgit Bauer – Projektkoordinatorin DSL DE

Die Gegenüberstellung von OECD-Studie und TK-Umfrage zeigt einen klaren Unterschied zwischen Statistik und Lebensrealität. Diese Realität muss ernst genommen werden.

Als Frau mit MS (Multiple Sklerose) , die seit über 20 Jahren in diesem System lebt, das ich oft als unseren größten Patienten bezeichne, kenne ich die Widrigkeiten: lange Diskussionen, überbordende Bürokratie, schlechter Datentransfer, Wartezeiten, Unverständnis, wenig Gespräch und mangelnde Transparenz, Versorgungsengpässe, viel Aufwand für wenig Leistung und lange Wege, schlechte Informationen. Die Liste ist lang. Und das nicht nur bei mir, sondern bei vielen Menschen mit Erkrankungen.

Hier spielt auch die Gesundheitskompetenz eine Rolle. Es geht dabei nicht ausschließlich um den bewussten Umgang mit der eigenen Gesundheit, es geht auch um das Wissen um Patientenrechte, Abläufe und medizinische Informationen. Wer hier nicht informiert ist und versteht,  ist doppelt benachteiligt – man verliert Zeit, Orientierung und das Vertrauen und das Gefühl, unterversorgt allein gelassen zu werden.

Die Frage ist: Können wir uns das leisten?

Ehrlich: Ich glaube nicht. Wir müssen uns darum kümmern. Jetzt.

Überzieht man bei einer Bank das Konto, greift das System ein – der Dispokredit ist nicht grenzenlos. Übertragen auf das Gesundheitswesen ist dieses Konto längst und lange überzogen.

Wir kennen die Lücken und brauchen Lösungen, die greifen – etwa verbindliche Terminfristen bei Fachärzt:innen, verständliche Patienteninformationen in Alltagssprache oder digitale Schnittstellen, die wirklich genutzt werden. Die Techniker Krankenkasse hat hierzu bereits Vorschläge vorgelegt, die hier nachgelesen werden können.

Mein Vorschlag: Wir kommen alle zusammen. Ein Runder Tisch, der Vorschläge und Strategien erarbeitet – im Rahmen von Citizen Science und Bürgerbeiräten. An diesen Tisch gehören unbedingt auch die, die die Zeche zahlen: Versicherte, Bürgerinnen und Bürger.

Wir diskutieren das. Auf Instagram!

Diese Woche haben wir uns dieses Thema vorgenommen und werden auch unsere DSLDE Community auf Instagram dazu befragen und sehen, was kommt. Denn dort lesen wir immer wieder von den dringenden Problemen, die Menschen mit Erkrankungen im System erleben.

Hier finden Sie uns: https://www.instagram.com/data_saves_lives_deutschland/

Wir sind gespannt!

Mit den besten Grüßen aus der DSL DE Zentrale!

Birgit Bauer