EHDS – Chance oder Risiko? Warum diese Frage oft zu kurz greift - EHDS – opportunity or risk? Why this question often falls short

English Version below!

Sobald es um Gesundheitsdaten geht, dauert es meist nicht lange, bis eine bestimmte Frage bis heute immer wieder auftaucht:

Ist das eine Chance – oder ein Risiko?

Diese Frage hören wir sehr oft. In Gesprächen, bei Veranstaltungen oder in Diskussionen mit Patientinnen, Patienten und Bürgerinnen und Bürgern.

Wir verstehen das. Zum einen ist der EHDS bis heute eher unbekannt. Dazu kommt: Gesundheitsdaten gehören zu den sensibelsten Informationen überhaupt. Sie erzählen etwas über unseren Körper, über Erkrankungen, über Therapien und manchmal über sehr persönliche Lebenssituationen. Die Diskussion um Stigma und Diskriminierung ist nicht unberechtigt.

Gleichzeitig erleben wir immer wieder, dass die Diskussion schnell sehr grundsätzlich wird. Manche sehen große Chancen: bessere Forschung und Versorgung, individuellere Therapien, also personalisierte Medizin, schnellere Innovation. Andere sorgen sich um Datenschutz, Kontrolle oder mögliche Fehlentwicklungen.

Beides ist verständlich – gleichzeitig greift die Frage „Chance oder Risiko?“ oft zu kurz.

Denn die Realität ist – wie so oft – etwas komplexer.

Gesundheitsdaten begegnen uns schon lange im Alltag

Viele denken bei Gesundheitsdaten zuerst an etwas Neues oder an große digitale Systeme.

Dabei begleiten uns Gesundheitsdaten schon lange, im Prinzip von dem Moment an, in dem wir noch in Mamas Bauch sind. Und von Geburt an, gehts erst richtig los. 

Einige Beispiele sind:

  • der Mutterpasst

  • die ärztliche Dokumentation in der Praxis oder im Krankenhaus wenn der Mutterpass ausgestellt

  • wenn wir geimpft werden

  • wenn wir zum Beispiel bei der Physiotherapie sind

  • wenn Register Daten zu bestimmten Erkrankungen sammeln wie zum Beispiel das Krebsregister

  • bei der Teilnahme an klinischen Studien 

Neu ist vor allem, dass heute durch die digitalen Lösungen deutlich mehr Daten entstehen und dass diese Daten – technisch gesehen – besser zusammengeführt werden könnten - mit dem EHDS.

Und genau hier entstehen viele Fragen.

Ein Beispiel aus dem Alltag

Viele Menschen kennen folgende Situation:

Man geht zu einer neuen Ärztin oder einem neuen Arzt und beginnt wieder von vorne zu erklären:
- Welche Diagnose wurde gestellt?
- Welche Medikamente wurden eingenommen?
- Welche Untersuchungen wurden bereits gemacht und gibt es Allergien oder Unverträglichkeiten?

Oft werden Unterlagen gesammelt, Befunde ausgedruckt oder per E-Mail verschickt oder auch schon mal, nicht ganz datenschutzkonform, per Whats App geteilt.

Manchmal bringen Patientinnen und Patienten Unterlagen bis heute selbst von A nach B, weil das schneller geht als manches noch im Einsatz befindliche Faxgerät. So werden besonders Menschen, die chronisch oder langfristig erkrankt sind, zum Postzusteller und damit zur Schnittstelle im System.

Manchmal fehlen Informationen, Rückfragen dauern lange oder Untersuchungen müssen wiederholt werden, was belastend und kostenintensiv für alle ist. 

Der EHDS versucht, genau hier Verbesserungen zu ermöglichen: Informationen sollen dort verfügbar sein, wo sie gebraucht werden – unter klaren Bedingungen und mit entsprechenden Schutzmechanismen.

Warum die Diskussion oft so emotional ist

Wenn es um Gesundheitsdaten geht, geht es nicht nur um Technik oder Verwaltung.

Es geht um Vertrauen. Viele Menschen fragen sich, wer die Daten sieht und wer darüber entscheidet, wer sie sehen kann oder bekommt. In vielen Gesprächen hören wir immer wieder die Frage, wie man beeinflussen kann, was mit den Daten passiert und wer davon profitiert.

Fragen und Bedenken, die sich bis heute halten oder wiederholen.

Diese Fragen sind wichtig, obwohl es inzwischen zahlreiche Vorschriften und Rahmenbedingungen gibt, daran gearbeitet wird und – last but not least – auch den sogenannten Opt-Out.

Gleichzeitig zeigt sich in vielen Gesprächen: Oft fehlen verständliche Informationen darüber, wie Gesundheitsdaten überhaupt genutzt werden und welche Schutzmechanismen bereits existieren oder gar, was man selbst tun kann, also wie man als Bürgerin und Bürger hier eigenverantwortlich handeln könnte.

Wenn Wissen fehlt, entsteht Unsicherheit. Und Unsicherheit führt häufig zu Skepsis.

Zwischen Hoffnung und Sorge

In Diskussionen sehen wir häufig zwei sehr starke Positionen.

Auf der einen Seite stehen Erwartungen:
Gesundheitsdaten könnten helfen, Erkrankungen besser zu verstehen, neue Therapien könnten schneller entwickelt und Versorgung gezielter verbessert werden. Und – was für viele Patientinnen und Patienten wichtig ist – man könnte seine Daten perspektivisch mitnehmen. Die eigene elektronische Patientenakte wird damit zu einem Datentransportmittel, das auch auf Reisen helfen kann, besonders innerhalb der EU, wenn im Notfall medizinische Informationen benötigt werden. Übrigens ein großer Hoffnungspunkt vieler Menschen mit chronischen oder langfristigen Erkrankungen.

Auf der anderen Seite stehen Befürchtungen:
Daten könnten missbraucht werden, Kontrolle könnte verloren gehen oder Entscheidungen könnten intransparent werden.

Beide Perspektiven sind verständlich und brauchen Klärung. Denn Gesundheitsdaten können nur dann sinnvoll genutzt werden, wenn gleichzeitig klar geregelt ist, wer Zugang erhält, unter welchen Bedingungen Daten genutzt werden dürfen, wie Daten geschützt werden und wie Transparenz gewährleistet wird.

Der Zusammenhang ist wichtig

Ein wichtiger Punkt ist, dass Gesundheitsdaten selten isoliert betrachtet werden können. Sie stehen immer im Zusammenhang mit Gesundheitssystemen, Versorgung, Forschung, Digitalisierung und natürlich auch mit gesellschaftlichen Erwartungen an Innovation. Der EHDS ist Teil dieser Entwicklung, damit versuchen die EU Mitgliedsstaaten ein System zu schaffen um  Gesundheitsdaten unter klaren Regeln und in einheitlichen Formaten nutzen zu können - sie also "transportfähig" zu machen und dafür zu sorgen, dass die Daten vertrauenswürdig behandelt aber auch als vertrauenswürdig eingeordnet werden können. 

Damit dies gelingt, braucht es mehr als technische Lösungen. Es braucht verständliche Einordnung.

Verständnis als Grundlage für Vertrauen

In vielen Diskussionen merken wir, dass Begriffe rund um Gesundheitsdaten nicht immer selbsterklärend sind. Da geht es um sekundäre Datennutzung, Register, Interoperabilität, anonymisiert oder pseudonymisiert und vieles mehr.

Klar ist: Wenn man etwas nicht oder nur teilweise versteht, entstehen schnell Missverständnisse oder falsche Annahmen. So geht es uns auch. 

Deshalb wird immer deutlicher, dass die Diskussion über Gesundheitsdaten nicht nur eine technische oder politische Diskussion ist, sondern auch eine gesellschaftliche Frage - Gesundheitsdaten gehen uns alle an. Es ist also auch eine Frage der Kompetenz. Der Gesundheits - Digital- und Datenkompetenz die wir jetzt brauchen. 

Es ist doch so: Wenn man versteht, worum es in einer Diskussion geht, kann man sich eine eigene Meinung bilden. Wer eine Meinung hat, kann Vertrauen entwickeln.

Der EHDS als gemeinsamer Lernprozess

Der EHDS ist ein langfristiges europäisches Projekt, verbunden mit vielen Lernprozessen. In den Ländern, in denen Gesetzgeber und Expertinnen wie Experten an Lösungen arbeiten. In Deutschland wurden zum Beispiel das Gesundheitsdatennutzungsgesetz (GDNG) oder auch der Aufbau des Forschungsdatenzentrums Gesundheit (FDZ) bereits auf den Weg gebracht, viele weitere Gesetze und Lösungen werden folgen.

Wie bei vielen größeren Veränderungen wird sich erst im Laufe der Zeit zeigen, welche Lösungen gut funktionieren und wo Anpassungen notwendig sind.

Das erfordert Mut und auch die Bereitschaft, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Nicht nur die Regierungen und Systeme brauchen das. Auch wir. 

Und ehrlich: Wenn wir sehen, wie selbstverständlich Gesundheitsdaten über Plattformen wie Instagram oder Facebook geteilt werden, wie man schnell mal eine AI fragt, ohne dass immer nach dem Datenschutz dort gefragt wird, dann lohnt sich vielleicht auch ein Blick auf die Strukturen, die genau dafür geschaffen werden – nämlich Gesundheitsdaten in einem regulierten und geschützten Rahmen sinnvoll zu nutzen.

Oder anders gesagt: Vielleicht sollten wir beim Thema Datenschutz überall genau hinschauen. wer weiß! ;-) 

Ausblick

Im nächsten Beitrag geht es um eine wichtige Beobachtung aus vielen europäischen Projekten:

Warum Beteiligung allein nicht ausreicht – und warum Verständnis oft die Voraussetzung für sinnvolle Beteiligung ist.

Weiterführende Informationen

European Commission – European Health Data Space
https://health.ec.europa.eu/ehealth-digital-health-and-care/european-health-data-space_en

OECD – Health Data Governance
https://www.oecd.org/health/health-data-governance.htm

TEHDAS Joint Action
https://tehdas.eu

TEHDAS2
https://tehdas2.eu

English Version:

EHDS – opportunity or risk? Why this question often falls short

Whenever health data are discussed, it usually doesn’t take long until one particular question comes up again:

Is this an opportunity – or a risk?

We hear this question very often. In conversations, at events, or in discussions with patients and citizens.

We understand why. The EHDS is still relatively unknown to many people. At the same time, health data are among the most sensitive types of information we have. They tell stories about our bodies, about diseases, about treatments and sometimes about very personal life situations. Concerns about stigma and discrimination are therefore not unfounded.

At the same time, we often see discussions quickly becoming very fundamental. Some emphasise the opportunities: better research and care, more individualised therapies, personalised medicine, faster innovation. Others focus on risks related to privacy, control or potential misuse.

Both perspectives are understandable – but the question of “opportunity or risk?” is often too simplistic.

Because reality – as so often – is more complex.

Health data have long been part of everyday life

Many people think of health data as something new or as part of large digital systems.

But in reality, health data have accompanied us for a very long time – in principle from the moment we are still in our mother’s womb. And once we are born, the collection of health data really begins.

Examples include:

  • the maternity record

  • medical documentation in doctors’ practices or hospitals

  • vaccinations

  • physiotherapy records

  • disease registries, for example cancer registries

  • participation in clinical studies

What is new is that digital solutions now generate significantly more data – and that these data could technically be brought together more easily, for example through the EHDS.

And this is exactly where many questions arise.

An everyday example

Many people know the following situation:

You visit a new doctor and once again start explaining everything from the beginning:
What diagnosis was made?
Which medications have been taken?
Which examinations have already been carried out?
Are there allergies or intolerances?

Documents are collected, reports printed, information is sent by email – or sometimes, not entirely in line with data protection principles, shared via messaging services.

Even today, patients often carry medical documents from A to B themselves because this can still be faster than some of the communication tools currently in use. Particularly people living with chronic or long-term conditions often become the messengers between systems.

Sometimes information is missing, follow-up questions take time, examinations need to be repeated – situations that are burdensome and costly for everyone involved.

The EHDS aims to help improve exactly this situation:
Information should be available where it is needed – under clear conditions and with appropriate safeguards.

Why the discussion is often emotional

When we talk about health data, the conversation is rarely only about technology or administration.

It is about trust. Many people ask who can access their data and who decides who is allowed to see them. We often hear questions about how individuals can influence what happens to their data and who ultimately benefits.

These concerns persist and are repeated in many discussions.

They are important questions – even though legal frameworks and safeguards already exist and continue to evolve, including the possibility to opt out.

At the same time, we frequently observe that understandable information about how health data are actually used and protected is still missing. And often it is unclear what individuals themselves can actively do or decide.

When knowledge is missing, uncertainty arises. And uncertainty often leads to scepticism.

Between hope and concern

Discussions about health data often show two strong perspectives.

On the one hand, there are expectations:
Health data could help us better understand diseases, enable faster development of therapies and improve healthcare in a more targeted way. And – something many patients consider particularly important – it may become possible to take one’s data along. The electronic health record could become a way to make relevant information available when travelling, especially within the EU, in situations where medical information is urgently needed. This is an important perspective for many people living with chronic or long-term conditions.

On the other hand, there are concerns:
Data could be misused, control could be lost, decisions could become less transparent.

Both perspectives are valid and require careful consideration. Health data can only be used responsibly if it is clearly defined who can access data, under which conditions data may be used, how they are protected and how transparency is ensured.

Context matters

Health data rarely exist in isolation. They are always linked to healthcare systems, care delivery, research, digitalisation and societal expectations regarding innovation.

The EHDS is part of this broader development. EU Member States are working towards creating a framework that allows health data to be used under clear rules and in harmonised formats – in other words, making data interoperable and usable across systems, while ensuring that they are handled in a trustworthy and secure way.

Achieving this requires more than technical solutions. It also requires understandable context.

Understanding as the basis for trust

In many discussions, we see that terminology around health data is not always self-explanatory. Terms such as secondary use of data, registries, interoperability, anonymisation or pseudonymisation are not part of everyday language.

If something is not fully understood, misunderstandings and incorrect assumptions can easily arise. We experience this ourselves.

This shows that discussions about health data are not only technical or political questions – they are also societal questions. Health data concern all of us. And this means competence matters: health literacy, digital literacy and data literacy are becoming increasingly important.

Because understanding enables people to form an opinion. And having an informed opinion makes trust possible.

The EHDS as a shared learning process

The EHDS is a long-term European project involving many learning processes – in countries where policymakers and experts are working on solutions.

In Germany, for example, the Health Data Use Act (GDNG) and the development of the Health Research Data Centre (FDZ) are already underway, while further legal and structural developments will follow.

As with many major changes, it will take time to see which approaches work well and where adjustments are needed.

This requires openness and willingness to engage with the topic. Not only from governments and institutions – but also from all of us.

And honestly: when we see how naturally health information is sometimes shared via social media platforms, or how quickly questions are asked of AI tools without always considering how personal data are handled there, it may also be worth taking a closer look at frameworks that are specifically designed to ensure health data are used responsibly and in a protected environment.

Or in other words: perhaps data protection deserves attention everywhere.

Outlook

The next article will explore an observation from many European initiatives:

Why participation alone is not enough – and why understanding is often the prerequisite for meaningful participation.

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