Am 19. November 2025 fand die Online-Session „Öffentliche Gesundheit? Ganz schön persönlich!“ von Data Saves Lives Deutschland statt. Im Mittelpunkt stand eine einfache, aber oft unterschätzte Erkenntnis: Öffentliche Gesundheit ist relevant, weil sie unseren Alltag betrifft.
📺 Hier kannst du dir die Session vollständig ansehen:
👉 https://youtu.be/RNZN9ct_xqY
Die Session zeigte eindrücklich, dass Public Health kein abstraktes Politikfeld ist, sondern dort wirksam wird, wo Menschen Informationen verstehen, einordnen und für sich nutzen können. Diese Nachlese fasst zentrale Gedanken, Perspektiven und Impulse aus den fachlichen Inputs, der Paneldiskussion und dem Austausch mit den Teilnehmenden zusammen.
Warum öffentliche Gesundheit wichtig ist
Öffentliche Gesundheit (Public Health) wird häufig auf Strukturen, Programme oder Institutionen reduziert. Dabei ist öffentliche Gesundheit viel mehr: öffentlich. Oder auch eine Sache der Gesellschaft. Also von uns allen.
In der Session wurde jedoch deutlich: Public Health entsteht dort, wo Menschen handlungsfähig werden – also informiert handeln und entsprechend für ihre eigene Gesundheit entscheiden.
Das passiert durch verständliche Informationen, Vertrauen in Systeme und die Möglichkeit zur Beteiligung.
Öffentliche Gesundheit bedeutet:
Prävention statt Reparatur
verständliche Kommunikation statt Fachjargon
Beteiligung statt reiner Versorgung
Gesundheitskompetenz ist dabei ein zentraler Hebel – nicht als individuelle Pflicht, sondern als gesellschaftliche Aufgabe.
Beiträge und Perspektiven
Die Session war klar strukturiert und verband fachliche Inputs mit einer anschließenden Paneldiskussion.
Die Impulsvorträge
Prof. Bettina Borisch (CEO, World Federation of Public Health Associations; Professorin für Public Health, Universität Genf) eröffnete die Session mit einer Einordnung zur Bedeutung von öffentlicher Gesundheit. Sie machte deutlich, dass Public Health weit über Gesundheitsversorgung hinausgeht und sich dort entscheidet, wo gesellschaftliche Rahmenbedingungen, Prävention und Vertrauen zusammenspielen.
Dr. Saskia Maria De Gani (Head Health Literacy Division & Mitglied der Geschäftsleitung, Careum Stiftung, Schweiz) knüpfte daran an und stellte Gesundheitskompetenz als zentrale Voraussetzung für wirksame öffentliche Gesundheit heraus. Ihr Fokus lag darauf, wie Menschen befähigt werden können, Informationen zu verstehen, einzuordnen und im Alltag anzuwenden.
In der anschließenden Paneldiskussion wurden diese Perspektiven aus unterschiedlichen Praxis- und Alltagssichten vertieft:
Dr. Corinna Jacob (Head Communications & Patient Advocacy Germany, Novartis Deutschland)
Dr. Cindy Körner (Patientenvertreterin, Deutschland)
Evelyn Groß (Patientenvertreterin, Österreich)
Diskutiert wurde unter anderem, wie Vertrauen entsteht, welche Rolle verständliche Kommunikation spielt und warum öffentliche Gesundheit ohne Beteiligung von Patient:innen und Bürger:innen an Wirkung verliert.
Stimmen aus der Diskussion:
„Mein tägliches Brot ist Übersetzungsarbeit. Wir haben hochkomplexe Informationen – zu Therapiegebieten, zu Krankheiten – und die Herausforderung ist, diese so zu übersetzen, dass sie für Menschen verständlich und nutzbar werden.“
— Dr. Corinna Jacob
„Das Problem ist nicht, dass es zu wenige Informationen gibt, sondern dass es keine zentrale Stelle gibt, die Orientierung bietet – und dass Informationen oft nicht niedrigschwellig und barrierearm sind.“
— Cindy Körner
„Es geht nicht darum, über uns Betroffene, sondern mit uns – und Sprache, Netzwerke und Beteiligung genau so aufzubauen.“
— Evelyn Groß
Aus Vorträgen, Paneldiskussion und dem Austausch mit den Teilnehmenden ergaben sich mehrere wiederkehrende Themen:
Öffentliche Gesundheit betrifft alle Lebensbereiche und darf nicht nur aus institutioneller Perspektive gedacht werden.
Gesundheitskompetenz braucht unterstützende Strukturen und verständliche Kommunikation.
Daten, Evidenz und Studien sind wichtig, entfalten ihre Wirkung aber nur dann, wenn sie erklärt und in den Alltag übersetzt werden.
Beteiligung von Patient:innen und Bürger:innen stärkt Vertrauen und Akzeptanz von Public-Health-Maßnahmen.
Stimmen aus dem Publikum
Auch aus dem Kreis der Teilnehmenden kamen wichtige Fragen und Kommentare, die die Diskussion ergänzt und vertieft haben, unter anderem:
Wie können öffentliche Gesundheit und Gesundheitskompetenz Menschen besser erreichen? Gerade wenn es um die Verwendung von Fachsprache und komplexen Inhalten geht, brauchen wir andere Wege.
Welche Verantwortung tragen Institutionen dafür, dass Gesundheitsinformationen verständlich und zugänglich aufbereitet zu den Bürgerinnen und Bürgern kommen - diese Themen fangen nicht erst bei Patientinnen und Patienten an, sondern wesentlich früher.
Wie lassen sich Gesundheitskompetenz und digitale Angebote so gestalten, dass sie Orientierung geben statt zu überfordern?
Welche Rolle spielen Vertrauen, Transparenz und Nachvollziehbarkeit bei der Nutzung von Daten im Gesundheitsbereich?
Diese Rückmeldungen machten deutlich, wie groß der Bedarf an verständlicher, dialogorientierter Public-Health-Kommunikation ist.
In der Session wurde auch auf aktuelle Ergebnisse des Health Literacy Survey Deutschland (HLS-GER) verwiesen. Diese zeigen erneut, dass viele Menschen Schwierigkeiten haben, gesundheitsbezogene Informationen zu finden, zu verstehen und anzuwenden.
Wir haben HIER über den HLS-GER 03 berichtet.
Öffentliche Gesundheit ist an sich kein abstraktes Politikfeld, sondern ein Alltagsthema, das uns alle betrifft.
Daher ist es wichtig, sich damit zu befassen - denn sie entscheidet darüber, ob Menschen sich orientieren können, Vertrauen entwickeln und handlungsfähig bleiben – unabhängig von Bildungsgrad, Alter oder Sozial- und Gesundheitsstatus.
Ein zentraler Impuls der Session, insbesondere aus dem Beitrag von Prof. Bettina Borisch, war dabei: Öffentliche Gesundheit und Gesundheitskompetenz können nur gemeinsam gelingen. Sie sind keine alleinige Aufgabe von Politik, Institutionen oder Systemen. Beide Bereiche leben davon, dass möglichst viele Menschen eine gemeinsame Basis haben – ein grundlegendes Verständnis, eine gemeinsame Sprache und die Möglichkeit, sich einzubringen.
Gesundheitskompetenz entsteht dort, wo Informationen verständlich sind, wo Beteiligung ermöglicht wird und wo Verantwortung nicht einseitig verteilt wird. Öffentliche Gesundheit braucht daher das Zutun aller: von politischen Entscheidungsträger:innen und Institutionen ebenso wie von Bürgerinnen und Bürgern, Patient:innen, Fachpersonen und der Zivilgesellschaft.
Die Session hat gezeigt, wie wichtig es ist, Public Health verständlich, menschlich und dialogorientiert zu denken – und Gesundheitskompetenz als gemeinschaftliche Aufgabe zu begreifen. Nur so kann eine tragfähige Grundlage entstehen, auf der öffentliche Gesundheit langfristig wirksam ist.
